Ile Rechenberg Staatspreis 2009

Fränkischer Grabfeldgau
Regionale Baukultur erhalten, Identität bewahren und Heimatgefühl stärken

Hinweisschild auf einem Aussichtspunkt, das die Elemente einer abwechslungsreichen Kulturlandschaft beinhaltet

Der Grabfeldgau befindet sich im Grenzbereich von Südthüringen und Nordbayern. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs lag der fränkische Teil des Grabfeldgaus nicht mehr an der Grenze zwischen Ost und West, sondern in der Mitte Deutschlands. Diese zentrale Lage im vereinten Deutschland und die in der Folge neu gebaute Autobahn A 71 eröffneten völlig neue Chancen. So entschlossen sich zehn Kommunen, ihre Zukunft gemeinsam zu gestalten. Sie gründeten die Allianz Fränkischer Grabfeldgau und setzten sich zum Ziel, in einer Integrierten Ländlichen Entwicklung gemeinsam mit den Menschen die Region für 16 000 Menschen in 32 Dörfern zu stärken.

Über Grenzen hinweg verbunden

Das bayerisch-thüringische Grabfeld war über 40 Jahre lang durch die innerdeutsche Grenze geteilt - doch gemeinsame Geschichte, Traditionen, Brauchtum, Kultur und Dialekt verbinden. Durch die von der Allianz initiierte Kooperation „Grabfeld – grenzenlos mittendrin“ wurde eine neue Basis für eine länderübergreifende Zusammenarbeit der Menschen geschaffen.

Die mit Beginn der Kooperation erstellte Internetplattform „Grabfeld grenzenlos mittendrin“ sowie die Broschüre „Highlights im Grabfeld“ dienen der gemeinsamen Darstellung der Region und dem Informationsaustausch über Ländergrenzen hinweg. Auch die ehrenamtlich tätigen Grabfeld-Botschafter werben nach dem Motto „Ich bin Grabfelder“ für die kulturellen und regionalen Besonderheiten des gesamten Grabfeldgaues und fördern somit die Identifikation mit dem heimatlichen Lebensraum und dessen Wahrnehmung von außen. Die regionalen kulinarischen Besonderheiten werden in dem gebietsübergreifenden Kochbuch „Fränkisch-Thüringische Grabfeldrezepte“ identitätsbetonend herausgestellt.

Grabfeld-Dorf - einmalig und einzigartig!

Die Dörfer und Orte der Grabfeldallianz zeichnen sich durch eine bayernweit überdurchschnittlich hohe Dichte an historischen Ortsbildern aus, die jedoch von Funktionsverlust und Leerstand bedroht sind. Nach dem Motto „Qualität vor Quantität“ wurden auf der Grundlage einer fachkundigen denkmalpflegerischen Untersuchung in 24 Orten ca. 2900 Objekte ausgewählt, die typisch für die regionale Baukultur sind, das Ortsbild prägen und damit in besonderer Weise schutzwürdig sind. Sie wurden in einem gebietsumgreifenden Förderprojekt zusammengefasst. Seit der Einleitung der Initiative „Grabfeld-Dorf“ im Jahr 2010 wurden auf der Grundlage von rund 200 Beratungen ca. 170 private Förderanträge zur Sanierung dieser Gebäude gestellt. Die Informationsbroschüre „Farben im Dorf“ vermittelt interessierten Bauherren die Bedeutung von Farben und Materialien als Ausdruck regionaler Baukultur und dient als Leitfaden für die Planung von Sanierungsmaßnahmen.

Kommunen legen eigenes Förderprogramm auf

Neben dem „Grabfeld-Dorf“ fördern die Kommunen der Allianz mit einem eigenständigen Förderprogramm Investitionen in ungenutzte Bausubstanz bei Umbau und Sanierung, ggf. beim Abriss und bei Ersatzbauten sowie bei der Anlage von Freiflächen. Auch hier steht die Beratung von Bauwilligen durch ausgewählte Architekten an erster Stelle. Die von der Allianz erstellte Informationsmappe „Bauen und Leben im Innenort“ zeigt, welch herausragende Qualitäten ein gut sanierter Altbau für seine Bewohner und für das ganze Dorf darstellen kann.

Bei der Aktion „Häuser erzählen Geschichten“ fungierten Jugendliche als generationsübergreifende Multiplikatoren zur Bewusstseinsbildung für Leerstand und Innenentwicklung. Unter fachkundiger Anleitung von Expertinnen und Experten für Fotografie und Journalismus, für historische Bausubstanz und Innenentwicklung brachten Jugendliche mit Hilfe von Fotos und Videos alte Häuser der fränkischen Region zum Sprechen.

Interessierte Besucher erhalten am Aktionstag „Türen auf“ die Gelegenheit, gelungene Sanierungen zu besichtigen und von Bauherren, Planern und
ausführenden Handwerksbetrieben Informationen über die Durchführung sowie über die Fördermöglichkeiten zu erhalten.

Regionale Stärken fördern

Die erstellten Wander- und Radwanderkarten erschließen Einheimischen ebenso wie Gästen Wege zum Erkunden der Region und laden zur Erholung und Entspannung ein. Mit Broschüren zu „Kultur und Natur“ stellt die Allianz die kulturellen und räumlichen Schönheiten und die Besonderheiten des Grabfeldes dar.

Die Broschüren „Gastgeber und Direktvermarkter“ und „Grabfelder Genusstage“ spiegeln die Vielfalt der kulinarischen Angebote, werben für die Heimat und fördern daneben die regionale Gastronomie und Direktvermarkter. Die Besonderheiten der Kultur und der Sprache des Grabfeldes werden in der zehnteiligen „Grabfelder Postkarten Edition“ widergespiegelt; sie steigert die Identifikation nach innen und verbessert die Darstellung nach außen.

Jobmeile und Grundversorgung

Schöne Dörfer alleine reichen nicht aus, um junge Menschen in der Region zu halten. Das hat die Allianz früh erkannt. Neben einem ausreichenden Arbeitsplatzangebot kommt der Vermittlung von gut erreichbaren Bildungs- und Qualifizierungsangeboten besondere Bedeutung zu.

Mit der Initiative „Grabfelder Jobmeile“ stellt die Allianz eine Plattform für Unternehmen und junge Menschen zur Berufswahl bereit. Die Grabfelder Jobmeile, die im Februar 2018 bereits zum fünften Mal stattfand, ist eine Erfolgsgeschichte, wie die hohe Zahl der Besucher und die Teilnahme von aktuell 50 Unternehmen zeigen.

Auf der Grundlage der allianzweiten Nahversorgungsstudie der Hochschule Würzburg-Schweinfurt startete im Oktober 2017 das Pilotprojekt „TÜTEN PACKEN“ zur Gewährleistung der Nahversorgung in den Gemeinden Höchheim und Sulzdorf an der Lederhecke. Die Bewohner können ihre Bestellungen über Einkaufslisten abgeben und die im Supervermarkt verpackten Tüten in den Dorftreffs abholen.

Im Projekt „Demographische Entwicklung“ wurden von Schülern statistische Planungsdaten erhoben. Neben dem hier erlangten Planungsgewinn fand eine tiefgreifende Bewusstseinsbildung bei den Jugendlichen statt.

Leistungsfähiges Wirtschaftswegenetz und Gewässerschutz

Die Kommunen haben mit der Erstellung des Kernwegenetzkonzeptes für das gesamte Allianzgebiet im Jahr 2015 gezeigt, dass sie weiträumige Lösungen unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Notwendigkeiten und unterschiedlichster Nutzungsinteressen im Dialog gemeinsam finden können. Durch die vorbildliche Zusammenarbeit von Fachbehörden, Gemeinde und Landwirten konnten mit der Initiative boden:ständig 10 bis 30 m breite Grünstreifen auf einer Länge von ca. 3,5 km und weitere Rückhaltungen zum Gewässerschutz angelegt werden. Der Sulzfelder Badesee wurde so vor Eutrophierung und Verlandung geschützt und als Freizeit- und Naherholungsangebot nachhaltig gesichert. Zugleich konnten der Boden- und Gewässerschutz erheblich verbessert und wertvolle Lebensräume für bedrohte Tier- und Pflanzenarten geschaffen werden.

Umsetzung der Entwicklungsmaßnahmen

Zur Umsetzung der Ergebnisse des Integrierten Ländlichen Entwicklungskonzepts setzt das Amt für Ländliche Entwicklung Unterfranken auch seine weiteren Instrumente zielgerichtet ein. Den gemeinsamen Zielen im Grabfeldgau dienen seit 2007 zwei Flurneuordnungen, sechs umfassende Dorferneuerungen sowie achtzehn Einzelmaßnahmen in Dörfern, eine Waldneuordnung, zwölf Projekte des Freiwilligen Land- und Nutzungstausches, sechs Projekte des Freiwilligen Nutzungstausches sowie sieben Projekte des Ländlichen Straßen- und Wegebaus.

Ressortübergreifende Zusammenarbeit sichert den Erfolg

Neben den Erfolgsfaktoren auf der Seite der Kommunen ist die enge, partnerschaftliche und vertrauensvollen Zusammenarbeit auf allen Ebenen der fachlichen und behördlichen Stellen hervorzuheben. Daran beteiligt sich die Regierung von Unterfranken v. a. mit der Städtebauförderung und dem Daseinsvorsorgekonzept ebenso wie der Landkreis Rhön-Grabfeld mit der Kreisentwicklung und dem Management der Ökomodellregion, der LEADER-Koordinator und die Lokale Aktionsgruppe Rhön-Grabfeld sowie weitere Fachstellen. Sie alle stehen mit den Allianzkommunen und dem Amt für Ländliche Entwicklung Unterfranken im stetigen kollegialen Austausch zum Nutzen der gesamten Region.
Projektträger
Integrierte Ländliche Entwicklung Fränkischer Grabfeldgau mit den Kommunen Aubstadt, Bad Königshofen i. Grabfeld, Großbardorf, Großeibstadt, Herbstadt, Höchheim, Saal a.d. Saale, Sulzdorf a.d. Lederhecke, Sulzfeld und Trappstadt, alle Landkreis Rhön-Grabfeld
Weiterführende Informationen

Kommunale Allianz Fränkischer Grabfeldgau Externer Link