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Söchtenau
Von der Dorferneuerung zur Gemeindeentwicklung mit einer nachhaltigen Stärkung der Landschaft

Blick auf ein Dorf mit markantem Kirchturm in einer kleinen Senke

Die Gemeinde Söchtenau ist seit den 70er Jahren einem hohen Siedlungsdruck ausgesetzt. Damit einhergehend wandelten sich die einstigen Bauerndörfer zu Wohndörfern. Eine Dorferneuerung sollte der Gemeinde bei diesen Herausforderungen unter die Arme greifen. Die Söchtenauer zeigten von Beginn an eine hohe Motivation, aktiv ihr Umfeld zu gestalten. Es stellte sich heraus, dass es wegen den unterschiedlichen Vernetzungen notwendig ist, das gesamte Gemeindegebiet einschließlich der Flurlagen einzubeziehen. In über 30 Versammlungen legten die Bürgerinnen und Bürger aus allen Ortsteilen das Projektgebiet fest. Dort erfolgten zielgerichtet die dringend notwendigen Maßnahmen in Dorf und Flur.

Von der Dorferneuerung zur Gemeindeentwicklung

Die Gemeinde Söchtenau beantragte im Jahr 1984 für die Ortsteile Söchtenau und Schwabering eine Dorferneuerung. In der Startphase packten die Bürgerinnen und Bürger sofort engagiert mit an und bildeten mehrere Arbeitskreise. In einem Seminar an der Schule für Dorf- und Landentwicklung Thierhaupten erhielten sie das Rüstzeug, um zielgerichtet Weichenstellungen und Leitvorstellungen für die Zukunft der Gemeinde zu erarbeiten. Es folgte eine Analyse der Ist-Situation mit Ermittlung der sozialen, strukturellen und städtebaulichen Verhältnisse und Zusammenhänge. Daraus wurde ein Leitbild für die Gesamtgemeinde entwickelt und im Jahr 1999 die Flurneuordnung und Dorferneuerung Söchtenau mit einem die gesamte Gemeinde umfassenden Projektgebiet angeordnet.

Ziel war unter anderem, einen geordneten Einwohnerzuwachs zur erreichen und durch die Schaffung von Begegnungsstätten die Dorfgemeinschaft zu stärken. Daneben standen gestalterische Verbesserungen des Dorfbildes sowie Ortsdurchgrünungen auf dem Plan. Außerdem sollten Kleingewerbe und Handel wiederbelebt und der Erhalt des bäuerlich geprägten Ortbildes unterstützt werden. In vier Ortsteilen erfolgten schließlich Maßnahmen der Dorferneuerung.

Nachhaltige Entwicklung der Landschaft

Die gemeindliche Landschaftsplanung wurde gezielt weiterentwickelt. Mit freiwilligen Leistungen der Teilnehmer konnten umfangreiche Projekte zur Stärkung und Entwicklung von Natur, Landschaft und Gewässern umgesetzt werden. Insgesamt acht neue Regenrückhaltebecken minimieren nicht nur die Hochwassergefahr bei Starkregen, sondern tragen durch ihre Filterfunktion zudem zur Verbesserung der Wasserqualität bei. Erosionsmaterial kann sich in den Becken absetzen, sodass der Feststoff und Phosphateintrag in den Simssee reduziert wird. Die Fuhrleistungen und Pflanzarbeiten an den Erdbecken nahmen die Landwirte dabei selbst vor. Weiterhin wurden in Söchtenau Rohrleitungen geöffnet, Fließgewässer renaturiert, Uferrandstreifen ausgewiesen und wild abfließendes Wasser geregelt einer Feuchtfläche zugeführt.

In der Aktion „Mehr Grün durch Ländliche Entwicklung“ wurden 2,4 km lineare Landschaftspflegeelemente gepflanzt. Zur Verbesserung der Agrarstruktur legte die Teilnehmergemeinschaft auch ein neues, bedarfsgerechtes und modernes Wirtschaftswegenetz an. Kies- und Spurbahnwege bauten die Landwirte dabei zum Großteil in Eigenleistung. Wo es erforderlich war, fand eine Neuregelung der Grundstücksverhältnisse statt. Insbesondere konnten mit der Bodenordnung im Wasserschutzgebiet Landnutzungskonflikte aufgelöst und Land für den Ausbau der Staatsstraße mit begleitendem Radweg sowie eines interkommunalen Radwegs bereitgestellt werden.

Gestaltung der Straßenräume und Plätze

Der Dorfplatz in Söchtenau glich vor der Dorferneuerung einem „Teersee“. Die daneben fließende Söchtenauer Ache war mit Betonmauern verbaut und zugewachsen. Das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim hat die Ache mit Unterstützung der Teilnehmergemeinschaft nun ökologisch ausgebaut. Das Ufer ist mit Natursteinen befestigt und locker mit Büschen bepflanzt. Das Wasser ist - wo möglich - frei zugänglich. Die Brücke über den Bach im Ortsinnern sowie zwei Fußgängerbrücken wurden neu gebaut. Der Dorfplatz ist nun ein sehr ansprechend gestalteter Dorfmittelpunkt mit Granitpflaster und neuen Bäumen. Auch die Vorplätze von Friedhof und Kindergarten in Schwabering erstrahlen in neuem Glanz. In Untershofen wurde mit der Neugestaltung der Ortsdurchfahrt das Problem der Überflutungen bei Starkregen gelöst und ein Brunnen errichtet.

Neue Begegnungsstätten stärken Dorfgemeinschaft

Am von der Gemeinde Söchtenau gepachteten Badeplatz bei Krottenmühl am Simssee wurde ein barrierefreier Badesteg errichtet, der nun von der gesamten Bevölkerung zum (Sonnen-) Baden genutzt werden kann. Rollstuhlfahrer haben die Möglichkeit, vom Steg ins Wasser zu gelangen.

In Söchtenau selbst ist ein – insbesondere von jungen Bürgerinnen und Bürgern heiß ersehnter – Beachvolleyballplatz angelegt worden, der sogar für internationale Wettkämpfe geeignet ist. Auch das Pfarrheim von Söchtenau erstrahlt in neuem Glanz. Hier können sich nun die Jugendlichen treffen, die Musikkapelle proben oder große Veranstaltungen stattfinden. Eine Hackschnitzelheizung versorgt das Haus mit der nötigen Wärme. Zum Pfarrheim führt ein gut gestalteter neuer Fußweg. Eine neue Obstpresse im Bauhof steht allen Bürgerinnen und Bürgern aus Söchtenau und Umgebung offen, um Most und Saft aus ihrer eigenen Ernte zu pressen. Der Bekanntheitsgrad steigt ständig, so dass die Obstpresse von August bis November kaum zum Stehen kommt.

Entdeckung eines römischen Meilensteins

Im Jahr 2003 wurde im Zuge der Dorferneuerung die Friedhofsmauer von Söchtenau saniert. Ein aufmerksamer Einwohner entdeckte während der Bauarbeiten einen walzenförmigen Stein in der Baugrube. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um ein bereits im Jahre 1799 in der Kirchenmauer geborgenes - und mittlerweile verloren gegangenes – Bruchstück eines römischen Meilensteins handelte. Die Teilnehmergemeinschaft und die Gemeinde entschlossen sich, den römischen Meilenstein in Originalgröße und mit Originalmaterial aus dem Steinbruch am Untersberg zu rekonstruieren. Der Meilenstein wurde am Friedhofsvorplatz von Söchtenau - direkt an der ehemaligen Römerstraße „Via Julia“ - aufgestellt. Er erinnert dort mit seiner stattlichen Erscheinung an die Geschichte Söchtenaus und gibt allen Vorbeikommenden die Möglichkeit, die Rekonstruktion eines römischen Meilensteins zu besichtigen.

Energiekonzept für eine autarke Gemeinde

Die Gemeinde Söchtenau will in der Energieversorgung auf eigenen Beinen stehen. Deshalb ist Söchtenau Teil des Sonderprojekts „100 energieneutrale Kommunen in Bayern“. Der Strombedarf von 7 500 Megawattstunden in Söchtenau wird bereits zu 52 % aus Solar- und Wasserkraft gedeckt. In der Schule wurde eine Hackschnitzelheizung zur Nahwärmeversorgung in Betrieb genommen, die eine wesentliche Einsparung von Heizöl bringt. Wärmeabnehmer sind die Schule, die Bank, das Rathaus, das Gasthaus und der Supermarkt.

Die Heizzentrale wurde baulich so angelegt, dass durch eine entsprechende Nachrüstung eine Erweiterung des Nahwärmenetzes möglich ist. Die Gemeinde nimmt außerdem an dem vom Amt geförderten Projekt „E-Mobilität im ländlichen Raum“ teil. Vor dem Rathaus steht bereits eine Ladesäule für E-Mobile.

Pflanzenkläranlagen in drei Gemeindeteilen

In Hafendorf, Aschau und Ullerting sind mit umfangreicher Eigenleistung der Dorfgemeinschaft Pflanzenkläranlagen für die umliegenden Ortsteile entstanden. Im Rahmen der Flurneuordnung konnten hier durch Bodenmanagement die erforderlichen Flächen bereitgestellt sowie Leitungsrechte geregelt werden. Die blumen- und schilfbewachsenen Anlagen machen nicht nur optisch etwas her; sie ermöglichen auch den Verzicht auf Rohrleitungen zu einer zentralen Kläranlage und haben einen geringen Energieverbrauch.
Projektträger
Gemeindeentwicklung, Dorferneuerung und Flurneuordnung Söchtenau, Landkreis Rosenheim