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Auf den zweiten Blick und mit der richtigen Architektur – so wurde ein Wohnstallhaus zum Wohntraum mit Bergblick
Dieses private Bauvorhaben wurde mit dem "Staatspreis 2009 - Dorferneuerung und Baukultur" ausgezeichnet. Das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten hat aus diesem Anlass das Projekt in einer Dokumentation mit folgendem Inhalt gewürdigt:
Wohnen im Ambiente eines 1564 erbauten und generalsanierten Wohnstallhauses bei aufgeschlagenem Buch der Baugeschichte – diesen realisierten Wohntraum fassen die Bauherren stolz mit „Block, Bachbummerlwand und Blick“ zusammen. Blick: Sicht auf den Wendelstein. Block: Blockbaugebäude aus Holz, das einem Feuerschicksal aufgrund seines freien Standortes am Rande von Nußdorf – Entbach = „Ent am Bach“ = über dem Bach – entkommen ist. Bachbummerlwand: Grundmauern des Hauses aus großen Dorfbachsteinen. Im gleichen Atemzug loben die Bauherren die qualifizierten und engagierten Handwerker als „die eigentlichen Helden“ bei ihrem einzigartigen Projekt.
Baukulturelle Heimat
Schafft eine lange Auslandstätigkeit eine besondere Liebe zur Baukultur in der Heimat? Für die in Nachbargemeinden von Nußdorf am Inn gebürtigen Bauherren könnte dies seit ihrer Heimkehr zutreffen. Sie wollten ein baukulturelles Erbe am Leben erhalten und haben sich in zehn Jahren 20 Objekte angeschaut. Eines davon haben die Bauherren zweimal genau betrachtet – ihr heutiges Heim. Zuerst erschien ihnen das schlichte, denkmalgeschützte Haus „als zu verkommen“. Beim zweiten Blick haben sie einige auf Altbauten spezialisierte Architekten hinzugezogen. Eines der Konzepte überzeugte und der Wohntraum im sanierten und umgenutzten Bauernhaus mit Stall und Tenne wurde wahr.
Authentische Sanierung
Vorgabe der Bauherren für die Architektur war es, authentisch zu bleiben. Auf dieser Grundlage wurde saniert was möglich war, kombiniert mit modernen Wohnansprüchen sowie neuen denkmalgerechten Elementen im Stile des Ursprungs und der regionalen Baukultur. So blieben im ehemaligen Wohnhaus der Erdgeschossgrundriss mit Stube, Küche, Flez und damit auch die Eselsrücken (Kielbögen, die sich hinter Nut- und Federbrettern verbargen) sowie die Bögen aus Tuff über der Küchen- und Ausgangstür erhalten. Unverändertes und prägendes Bild sind die einfach gestalteten Balkone am Ober- und Dachgeschoss. Bei der Sanierung wurden Balken, Böden, Treppen, Türen ausgebaut und nummeriert, in der Werkstatt saniert und wieder eingebaut oder z. B. der Dachstuhl, die Schindeldeckung und die Holzkastenfenster originalgetreu ersetzt sowie das Haus mit aktuellen energetischen Einrichtungen ausgestattet. Am Baukörper kann man noch heute den ehemaligen, jetzt unterkellerten Tennen- und Stallbereich ablesen. Zudem trägt diesen ehemaligen Nutzteil immer noch die restaurierte alte Holzständerkonstruktion, die zusammen mit der Bachbummerlwand auffällige Elemente der Innenarchitektur des Wohnzimmers mit seiner großzügigen Glasfassade sind.
Baugeschichte bis ins Detail
Authentisch zu bleiben verträgt keine Kompromisse. So passten Bachbummerl von irgendwoher in Form und Größe nicht, um die Grundmauer originalgetreu zu sanieren. Richtig waren die Steine aus dem Dorfbach mit dem kürzesten Transportweg. Ablesbar ist jetzt auch wieder eine Wasserburger Holzdecke mit ihren Fichtenbalken in T-Form, die die eingelegten Eichenbretter tragen. Vor ca. 200 Jahren haben Nachkommen aus der Erbauerfamilie den Balken der Innenwände des Blockbaus einen Verputz zugemutet. Was jetzt im Wohnzimmer wie eine „unreine Haut der Balken“ aussieht, sind Holzstifte, die den Putz trugen und diesen Teil der Baugeschichte dokumentieren. Der Westgiebel trägt die gleiche Holzverschalung der Fassade wie der traufseitige ehemalige Tennenbereich, allerdings flexibel. Denn dahinter befindet sich die Glasfassade, die bei Bedarf mit eigens entwickelten und gefertigten Holzlamellenjalousien geschlossen werden kann. Dass ein neues Nutz- und Nebengebäude im Stile regionaler Baukultur oder die Außenanlagen so authentisch wie möglich sind, entspricht dem Selbstverständnis der Bauherren für Baukultur.
Kinder aus Nußdorf, das im Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ auf Bundesebene mit Gold ausgezeichnet ist, sind auf dem Weg zum Kindergarten am neu angelegten Teich des Anwesens jederzeit herzlich willkommen. Zudem wünschen sich die Bauherren, dass den Kindern die zwei Gesichter „drohender Abbruch und Schmuckstück“ des Wohnstallhauses als positives Beispiel von „Altes erhalten und Neues gestalten“ zur Baukultur in Bayern in Erinnerung bleiben.
Dorferneuerung Nußdorf am Inn, Lkr. Rosenheim, Oberbayern
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